Taten sind nur leblose Hüllen

Veröffentlicht am 13. März 2026 um 10:57

Taten sind nur leblose Erde, wenn sie nicht durch das Geheimnis der Aufrichtigkeit mit Leben erfüllt werden.

So sprach der Gelehrte und Gnostiker Ibn ʿAṭāʾillāh as-Sakandarī in seinem markanten und weithin geschätzten Werk Al-Ḥikam – Die Aphorismen.

Diese Aussage ist eine der zentralen Lehren zum Thema Aufrichtigkeit und steht im Zusammenhang mit innerer Illumination. Denn nur die Absicht, mit der jemand eine Handlung vollzieht, kann schlussendlich das Ritual, die gute Tat oder den Akt der Barmherzigkeit zum Leben erwecken. Es gilt also, den zentralen Zusammenhang zwischen innerer Einstellung – der Seele des Menschen und ihrer Bereitung – sowie der äußeren Umsetzung in Einklang zu bringen. Augendienerei, Prahlerei und sonstige fehlgeleitete Absichten lassen Taten zu leblosen Hüllen verkommen und als tote Erde zurück.

Zunächst stellt er diesen Weisheitsspruch voran und formuliert anschließend vier rhetorische Fragen, anhand derer der Aspirant erkennen kann, warum seine Bemühungen nicht fruchten und wie er seine Einstellung sowie seine eigene Situation im Hinblick auf die Illumination verbessern kann.

  1. Wie kann das Herz erleuchtet werden, während sich die Gestalten der Geschöpfe in seinem Spiegel widerspiegeln?

  2. Oder wie kann es zu Gott gelangen, während es von seinen Leidenschaften gefesselt ist?

  3. Oder wie kann es sich nach der Gegenwart Gottes sehnen, während es sich noch nicht von der Sünde der Vergesslichkeit gereinigt hat?

  4. Oder wie kann es die subtilen Nuancen der Geheimnisse verstehen, während es seine Verfehlungen noch nicht bereut hat?

Zu 1:
Wie kann das Herz zur Erleuchtung gelangen, wenn das Innere des Menschen voller weltlicher Gedanken ist? Ibn ʿAṭāʾillāh stellt hier eine der zentralen Bedingungen auf, die als Einstieg in die tieferen Mysterien gilt. Das Herz gleicht einem Spiegel und muss poliert werden, damit es reflektieren kann. Doch solange es von Gedanken an die Welt erfüllt ist, kann seine Spiegelnatur nicht in den Vordergrund treten. Dies lässt sich durch die Fähigkeit zur Konzentration auf die Gottesnamen oder durch anhaltende Gedankenstille überwinden – eine Fähigkeit, die meist mühsam erlernt werden muss, deren Meisterung jedoch ein Schatz ist, den niemand in der Welt finden kann.

Zu 2:
Wie kann es zu Gott gelangen, wenn es ständig durch Leidenschaften abgelenkt wird? Hier zeigt uns Ibn ʿAṭāʾillāh die zentrale Hürde auf dem Weg zu Konzentration, Klarheit und innerer Zentrierung auf die Gottesnamen. Es sind die Leidenschaften der Seele, die den Aspiranten auf vielfältige Weise ablenken und abschweifen lassen. Anstatt zur Sammlung zu gelangen, wird die Seele von Gier, Lust oder alten Verletzungen und Hassgedanken fortgezogen. Der Aspirant schweift in alle Richtungen ab und erreicht selbst in Meditation oder Kontemplation nicht sein Ziel. Warum? Weil er noch ein Leben führt, das von Leidenschaften beherrscht wird.

Zu 3:
Wie kann das Herz vom liebevollen Sehnen nach der Nähe zu Gott erfüllt werden? Die meisten Menschen denken beim Lesen dieser Zeilen heute nicht einmal daran, dass ein solches Sehnen überhaupt als wirklicher Wert existieren könnte. Sie vermögen die Freude und den Segen der Gottesnähe kaum noch zu verstehen. Spricht man darüber, schauen sie verdutzt und halten es womöglich für Fantasie. Denn die Sünden, die die Gesellschaft dominieren, haben vielerorts jeden Zugang verschlossen. Dasselbe gilt für das Herz.

Zu 4:
Was schließlich die Geheimnisse und Tiefen spiritueller Erfahrungen betrifft, so werden ihre Tore erst nach aufrichtiger Korrektur und Reue geöffnet. Niemand kann in diese Tiefen gelangen, solange er diese innere Umkehr nicht vollzogen hat. Die Wahrheit dieser Tatsache konnte ich selbst in vielen Dutzend Beispielen beobachten. Ein häufig auftretender Effekt besteht darin, dass kleine Erlebnisse oder trügerische Illusionen zu vermeintlich großen spirituellen Errungenschaften verklärt werden. Die moderne spirituelle Szene ist voll davon und stimmt oft die Lieder der Einbildung an.

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