Neue Geschichten braucht die Ummah

Veröffentlicht am 13. August 2024 um 21:03

Teil I

Welche Geschichten wir uns über uns selbst erzählen, welche Visionen wir uns über unsere Zukunft ausmalen, prägt nicht nur unsere Identität, unsere Taten, unseren Zustand sondern unsere gesamte Realität. Es wäre dringend an der Zeit die Geschichten in den Köpfen der Muslime etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und zu hinterfragen, welche Gedanken uns bewegen und welche Narrative unser Sein aktuell am meisten beeinflussen. Welche Geschichten sind aktuell vorherrschend, wie berechtigt sind diese und welche Visionen für unserer Zukunft entspringen daraus und sind damit zwangsläufig die zukünftigen Seinszustände auf die wir hinarbeiten.

Der Quran und die Aussagen des Propheten  bestehen zu einem nicht unwesentlichen Teil aus Geschichten. Diese haben ihrer ganz eigenen Natur nach, viele Interpretationsschichten und Räume, aus denen man Erkenntnis und Weisheit erlangen kann. Einer dieser Räume wäre die Übertragung auf die eigenen Lebensrealitäten oder die Dynamiken der Gesellschaftssituation. Damit diese Übertragung Früchte tragen kann, muss sie nicht nur intellektuelle Spielerei sein, sondern die eigene Identität zutiefst berühren und formen. Dieser wesentliche Schritt bleibt aktuell jedoch immer mehr aus. Viele Muslime haben einen unsichtbaren Abstand zu ihrer Tradition und ihren Geschichten aufgebaut. Auf der einen Seite die Geschichte aus dem Quran oder Hadith gefolgt von einer immer größer werdenden Mauer aus sogenannter Gelehrsamkeit und akademischer Auseinandersetzung auf dessen anderer Seite der moderne Muslim, welcher zwar ein Konzept der Geschichte und viele Interpretationen davon verstanden hat, jedoch der Essenz strukturell beraubt wurde. Die Geschichte wirkt nicht in sein Leben hinein, denn dort agieren sich ganz andere Narrative aus. Welche das sind sollen hier kurz und knapp in mehreren Teilen, in einer Art kurzen Selbstreflexion dargelegt werden.

Dieser Teil umfasst die Geschichten, welche ins muslimische von Externen hineingetragene wurden und können aktuell sehr stark von genauen Beobachtern wahrgenommen werden:

  1. Der amerikanische Traum: Diese Geschichte ist eine Grundlage des amerikanischen Kapitalismus, eine Grundhaltung, der aus dem alten Europa ausgewanderten. Ihm Zugrunde liegt die Vorstellung christlicher Splittergruppen, dass die jenseitige Errettung sich bereits im Diesseits durch materiellen Wohlstand zeige. Religiös gefestigt, wäre viel materieller Reichtum, dass sei wonach der Mensch streben sollte, wenn er sich seines paradiesischen Platzes sicher sein wollte. Der hedonistische Genuss materieller Güter ist geblieben, der religiöse Unterbau von den meisten längst vergessen. So bleibt bis heute die Geschichte, dass jeder es unabhängig von gesellschaftlicher Position oder der Menge an Reichtum (meist nichts), den er bereits besitzt, schaffen könne durch harte Arbeit reich und wohlhabend zu werden. à Die Geschichte läuft wie viele sicher wissen in Kürze so ab. Eine ärmliche Person arbeitet hart Tag und Nacht bis sie es schafft sich langsam Reichtum aufzubauen. Am Ende der Geschichte steht ein reicher, wohlhabender und wirtschaftlich sehr erfolgreicher Mensch der „Es“ geschafft hat. Früher war dieses „Es“ der Beweis für bestimmte christliche Gruppierungen, dass man unter den Geretteten sei, heute ist „Es“ die Möglichkeit sich alle materiellen Güter zu leisten und die damit implizierte Vollendung weltlichen Glückes. Diese Geschichte ist bei vielen Muslimen zu ihrer primären Lebensgeschichte geworden. Einer mag einwenden 3 der 4 Rechtgeleiteten Kalifen wären nach heutiger Bewertung Millionäre gewesen. Der wirtschaftliche Erfolg und das Erwerben dessen war jedoch nie eine Grundgeschichte, die ihr Leben definierte, sondern lediglich Teil eines großen Epos in dessen Kern gänzlich andere Geschichten standen.

Die Geschichte des amerikanischen Traums wird sowohl im Quran als auch im Hadith stark kritisiert. Denn diese Geschichte ist in Wahrheit natürlich viel älter als die USA. Archetypische Vertreter dieser Denkrichtung traten bereits in Form von Qaroon gegen Moses an und forderten ihn heraus. Denn was die Grundgeschichte des amerikanischen Traumes vergisst mitzuteilen, findet sich in den Details, die meistens nicht erwähnt werden. Dazu zählen Entwicklung unstillbarer Gier, Hochmut, Zerstörung der Umwelt, Ausbeutung der Mitmenschen, Materialismus und schlussendlich Entfremdung von der göttlichen Botschaft, wenn sie den Bedingungen der eigenen Habsucht in die Quere kommt, wie es im Falle von Qaroon und Moses geschehen ist.

Im weisen Quran finden wir:

وَمَا ٱلْحَيَوٰةُ ٱلدُّنْيَآ إِلَّا مَتَـٰعُ ٱلْغُرُورِ

„Was ist die Welt, wenn nicht ein trügerischer Genuss.“ (57;20)

 

Und Abraham bittet Allâh:

وَلَا تُخْزِنِى يَوْمَ يُبْعَثُونَ

يَوْمَ لَا يَنفَعُ مَالٌ وَلَا بَنُونَ

إِلَّا مَنْ أَتَى ٱللَّهَ بِقَلْبٍ سَلِيمٍ

 

„Lass mich nicht zu Schanden werden an jenem Tag der Auferstehung, da weder Nachkommen noch Reichtum etwas nützen, sondern nur mit reinen Herzen zu Allah zu kommen, helfen wird.“

 

Es gibt viele positive islamische Veränderungen dieser Geschichten, in denen das Erwerben von Reichtum ein gewünschter Bestandteil wäre, jedoch nie Endziel.  Wir müssten sie aber heute neu schreiben, neu erfinden und anpassen an die komplexen Bedingungen der Gegenwart. Die Muslime der Vergangenheit konnten es und hatten ihre Geschichten dazu. Wir haben die Herausforderung unsere eigenen vom westlichen Turbokapitalismus, Materialismus und Liberalismus zu entkoppelten und neu zu entwickeln. Gedeihliche Rohmodelle eines Harun Rashid, der Kalifen von Cordoba oder eines Mansa Musa der Neuzeit zu erfinden, bis sie Realität werden.  Sicher waren diese Personen nicht Kritik frei oder ideale Vorbilder. Aber immerhin waren ihre Reiche nicht sinnentleerte Prunkbauten einer westlicher Genuss- und Spaß-Gesellschaft, wie die Schlösser Dubais oder die Geldeskapaden der Saudis, sondern Ausdruck einer tiefen Verbindung von diesseitiger Welt und jenseitiger Räume, in welcher Reichtum weit mehr hervorbrachte als Unterhaltungs- und Triebfreunden zu bedienen. Sie sind so etwas, wie die unperfekte Version einer nach besseren strebenden Gesamtgesellschaft und auf Basis unserer heutigen Trümmerhaufen eignet sich dieses wahrscheinlich als Anfang besser als das Idealbild der 4 rechtschaffenden Kalifen oder des salomonischen Reiches. Es wäre eher erreichbar und damit als Grundlage einer modernen Vision im Rahmen realistischer Ziele und eines erlebbaren Erfolgsfeedbacks.

 

So sagte doch der Prophet sinngemäß: „Welch große Gabe ist doch erlaubter Reichtum eines rechtschaffenden Menschen.“

Neue Geschichten braucht die Ummah Teil II

Fortschrittsglauben: Eine weitere Geschichte, die sich im Westen oft unbewusst, aber sehr tief in die Leben der Menschen gegraben hat, ist der Glaube an einen sich ständig entwickelnden Menschen, einer nach immer höheren strebender Menschheit. Vom Höhlenmenschen zum Sternenflotten Admiral durchläuft die Menschheit eine exponentielle Entwicklung, in welcher sie gesellschaftlich, intellektuell und ethisch immer besser wird und Schritt für Schritt alte schlechtere Ideen und Eigenschaften hinter sich lässt. Viele Muslime glauben dieser Geschichte, da sie zutiefst von der kolonialen Herrschaft Europas, bis heute beeinflusst werden. Die Stärke der kolonialen Herrscher gründete sich auf ihren technologischen Fortschritt und der unbarmherzigen Brutalität mit derer sie die Welt heimsuchten und eroberten. Aber auch aus den brutalen Wirren und dreckigen, teils desolaten Lebensbedingungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit war Technologie das Mittel entfliehen zu. Doch wie wahr ist diese Geschichte und was sind ihre Folgeerscheinungen. Stimmt sie überhaupt? Viele Experten der Menschheitshistorie würden widersprechen, denn ein intensiver Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die Menschheitsgeschichte zyklisch verlief. Zeiten der hohen Entwicklung folgten Zeiten des Zerfalls, aus denen wieder Zeiten der Entwicklung entsprangen. Wir wissen nicht viel über die Ägypter, können aber davon ausgehen, dass ihre Technologie sehr hoch entwickelt sein musste, um Bauwerke wie die Pyramiden zu errichten. Man halte sich stehts vor Augen, dass sollte unsere Zivilisation untergehen nach 2000 Jahren nurmehr wenige Steinbauten in Wäldern gefunden werden würden (und unser Atommüll). Computer, Hochhäuser aus Glas und Stahl oder Plastikmüll all das wäre von Wind und Wetter längst zermahlen und zersetzt. Vielleicht würden Archäologen der Zukunft in tiefen Steinkellern noch Computerreste von Großservern finden. Aber würden sie diese als Technologie verstehen? Oder würden sie es als merkwürdige kubistische Kunsterscheinung der Urzeit interpretieren. Flugzeug-darstellungen würden möglicherweise als religiöse Himmelsfahrt-Vorstellung der primitiven Vorfahren gedeutet werden.  Zwischen Hochzivilisation und Hochzivilisation können durchaus Jahrtausende der einfachen und simplen Lebensweise ohne Hochtechnologie liegen, in der alles vergessen wurde, was einst Standard der Entwicklung war. Ein mögliches Szenario ist, dass die entwickelten Zivilisationen der Vergangenheit sich durch Katastrophen dramatisch verkleinerten und irgendwann auf sehr kleine Gebiete begrenzt lebtem, bis sie schließlich ganz verschwanden. Damit waren sie oft kein globales Phänomen, wie die aktuelle Zivilisation sich versteht und in ihrer Auswirkung auch wesentlich schwerer nachzuweisen. Als Beispiel möchte ich nur darauf hinweisen, dass die Veden der Inder von fliegenden Geräten der Vorzeit berichten und die Steinbilder der alten Ägypter durchaus Darstellungen kennen, die Flugzeugen oder Glühbirnen äußerst ähnlich sehen.  Auch fand man Tonkrüge im Irak, die als Batterien verwendet wurden oder den hochkomplexen Mechanismus von Antikythera in einem Schiffswrack.

Auch der Quran berichtet von der Macht der früheren Völker:

أَلَمْ يَرَوْاْ كَمْ أَهْلَكْنَا مِن قَبْلِهِم مِّن قَرْنٍ مَّكَّنَّاهُمْ فِي الأَرْضِ مَا لَمْ نُمَكِّن لَّكُمْ

 

„Haben sie denn nicht darauf geachtet, welche Völker wir vor euch zerstörten, die etablierter waren auf Erden als ihr es seid.“

 

Dieses kann man so interpretieren, dass es sich lediglich auf die arabische Zivilisation zur Zeit des Propheten bezieht und damit schon gering technologisierte Völker als mächtiger angesehen werden könnten. Man kann es aber auch als universelle Aussage verstehen, die für alle Völker bis zum Ende der Zeit gilt, da der Quran als Botschaft für alle Menschen nach dem Propheten  betrachtet wird. Dieser Interpretation nach könnte man von vorzeitlichen Zivilisationen ausgehen, die selbst die unsere übertrafen.

 

Die Geschichte, welche der Westen sich heute erzählt, geht kurzgefasst in etwa so:

Das Universum entwickelt sich stetig zu immer komplexeren Strukturen. Einfache tote Materie und Sternensysteme entstehen, auf einigen Planeten folgen erste simple Lebensformen, diese entwickeln sich zu immer komplexeren Wesen, schließlich folgen intelligente Wesen, die sich technologisierten und am Ende durch Technologie selbst optimieren und immer schneller weiterentwickeln. In den 60-90 Jahren sah man die Entwicklung der Menschheit als Sternenvolk, welche in naher Zukunft Raumschiffen bauen werden und durch den Weltraum reisen würden. Die Entwicklung war als mechanische Verbesserung der bekannten Technologien visualisiert.  Heutzutage sieht man eher die Digitalisierung und gen- und nanotechnologische Entwicklung der Menschheit zu einer vernetzten Superintelligenz, die sich selbst gewaltige virtuelle Räume schafft, sowie gentechnisch optimiert und mit künstlicher Intelligenz eine technologische Singularität erzeugt. Was man bei den ganzen Visionen unterschlägt ist die eher finstere Tatsache, dass seit der Industrialisierung des Westens, der wissenschaftliche und technologische Fortschritt durch das Diktat der Machtdominanz und der reinen wirtschaftlichen Nützlichkeit getrieben wurde. Es ging nie um ein echtes umfassendes verbessern des menschlichen Seins auf Basis einer seelisch, geistig und gesellschaftlichen Optimierung, sondern um die Maximierung des Gewinns (siehe amerikanischer Traum) und der Dominanz gegenüber anderen Ländern und Gesellschaften. Stichwort „Sozialdarwinismus“! Wohlstand für die breite Masse war Beiwerk aber nicht Triebfeder. Man hat die restliche Schöpfungsgemeinde wie anderer menschliche Zivilgesellschaften aber auch die Tier- und Pflanzenwelt auf diesem Pfad vergessen. Aber nicht nur das man hat ihnen auch unglaubliches Leid zugefügt. Die Haupttreiber der Entwicklung metzelten sich sogar in zwei gewaltigen Weltkriegen gegenseitig zugrunde und das wirtschaftliche Wachstumsdiktat ruiniert ganze Lebensräume. Alles aus willfährigem Eigendünkel? Die rasante Entwicklungsgeschichte hat ein Anfang den man in der Aufklärung oder der Renaissance, je nach Belieben definierte kann. Es kam dann folgerichtig die Mitte der Geschichte mit Industrialisierung und Moderne. Aber jede Geschichte hat auch ein Ende und dieses Endszenario baut sich aktuell in Form der natürlichen Grenze von Rohstoffen auf. Ihnen steht diametral das ewige Wachstumsdiktat der Weltwirtschaft gegenüberstehen. Entweder die Zivilisation zerstört sich in ihrer unbändigen Wachstumsgier selbst oder sie ändert sich von Grund auf und vollständig. Wie die Geschichte zu Ende geht werden wir wahrscheinlich erleben. Wir werden dabei sein. Im besten Fall einen guten Einfluss nehmen. Doch aktuell scheint es unausweichlich, dass die moderne kapitalistische Weltgesellschaft in den Letzten Kapiteln ihrer Geschichte steht.

Soweit zu den Erzählungen des Westens, aber was haben eigentlich die Muslime für eine Geschichte zwischenzeitlich verfolgt. Man stellt mit erschrecken fest, dass die Visionen einer Zukunft den Köpfen der intellektuellen Elite irgendwann zwischen den 14-18 Jahrhundert entschwanden. War man Fett und unbeweglich geworden? Zu zufrieden mit den Annehmlichkeiten, welche es bereits gab, schließlich waren die muslimischen Gesellschaften nicht im mittelalterlichen Dreck, sondern genossen viele Annehmlichkeiten, welche dem Westen erst durch die industrielle Revolution zugänglich wurden. Hatte man sich von den Verwüstungen, welche die Mongolen angerichtet haben, nicht recht erholen und regenerieren können? Was auch immer geschah es führte dazu, dass die Gedanken unflexibel und wenig erfinderischer wurden. Man sah nicht mehr visionär in die Zukunft, sondern begnügte sich mit bereits bestehenden. Muslimische Gesellschaften schrieben fast keine Science Fiktion Geschichten mehr, weil sie keine visionären Gedanken mehr hervorbrachten. Es wurde ihnen zum Verhängnis. Ein Beispiel, welches dieses illustriert, ist die Erfindung der Dampfmaschine durch Taqiud-din, einem genialen Wissenschaftler des 16. Jahrhunderts. Hunderte Jahre vor dem Westen erfand dieser Osmane eine Dampfmaschine, welche einen Grill-Spies antrieb. Grandios! Aber das war es dann auch und dabei blieb es. Keine weitere Anwendung wurde ausgedacht. Während die Europäer sich aufmachten und Amerika einnahmen und eroberten, blieben die Muslime bis auf wenige Ausnahmen lieber in bekanntem Territorium. Der Erfindergeist der früheren Tage verlosch Zusehens. Es mangelte nicht an Vorbildern, oder genialen Geistern, denn Chemiker, Astronomen, Mechaniker und Mathematiker der Muslime gab es viele und ihr Ruhm währt bis heute. Doch ihre Erben starben aus und die Anwendungen waren immer weniger Visionär.

Heute jedoch könnte man neu beginnen und diesen Fehler erkennen, ein neues Science Fiktion starten mit besseren Ideen als die Dystopien von Terminator, dem aktuell beliebten Klimauntergang, den Horrorszenarien von genetischer Auslese oder den beklemmenden Vorstellungen der Mensch-Maschinen-Matrix.

Wie stellen wir uns als Muslime eine technologische Entwicklung unserer Ideen und Werte vor. Welche Utopie könnte es geben, neben der Vision einer besseren Gesellschaft wie sie in den Star Trek filmen dargestellt wird. Auf ihr Vordenker der Endzeit! Ich bin gespannt auf eure Visionen des neuen mystisch, technischen Bagdads unserer Zeit, einer Stadt der 1000 Wunder.

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